FREMDE AUGEN       

 

Wir sehn die fremden Augen,

wir hörn die fremde Sprache,

und wir wissen, diese Menschen

sind hier nicht bei uns zu Haus.

Sie sind nur zu uns gekommen,

weil sie dort nicht bleiben konnten -

mehr verbannt und kaum geduldet,

warten sie, dass Morgen wird.

 

Kein Wort steht in der Zeitung

von den täglichen Problemen,

von Knüppeln zwischen Beinen,

die das Ausländeramt verteilt.

Nur mit Almosen gefüttert

zeigt man ihnen voller Misstraun:

Ihr könnt froh sein, dass ihr hier seid.

Vielleicht wärt ihr sonst schon tot.

 

Wir hörn sie manchmal singen,

und wir mögen ihre Stimmen,

der volle Klang der Bombos,

der Charrangos reißt uns mit.

Wenn die Panflöten entzücken,

hört man viele lustvoll stöhnen.

Doch es stöhnen weit in Chile

Menschen, die im Schmerz gequält.

 

Jahre sind schon vorüber

zwischen Gastfeindschaft und Heimweh,

gestoßen von den Ämtern.

Frösteln in Verlogenheit.

Sie suchen hier auch Wärme.

Sie sind Gäste unserer Pflicht.

Denn erst gestern warn Faschisten

noch bei uns mit Mordgewalt.

 

Doch die Leiche von Allende,

die in Blut getränkten Hände,        

sind ein Schrei, der bricht das

Schweigen derer, die ohnmächtig fliehn,

vor dem Terror der Faschisten,

die das Heimatland verpesten.

Unser Land soll ein Asyl sein,       

bis sie frei nach Hause ziehn.

 

Die Masken auf dem Bildschirm

dreschen nichts als hohle Phrasen.

Genau die gleichen Stimmen

säuseln süß von Nächstenpflicht.

Aber wie sie unterscheiden,

aussortieren, was nicht passt,

und verstoßen, was von falscher

Seite an die Türe pocht.

 

Wie sie scheinheilig vergessen,

durch ihr Schweigen akzeptieren,

und die Hand den Henkern reichen,

mit Krediten prall gefüllt.

Wie sie trampeln auf die Ängste,

auf Sehnsucht und die Hoffnung,

und die Grenze doch versperren,

die manch Gitter öffnen könnt.

 

Und die Leiche von Allende,

die in Blut getränkten Hände,

mahnen uns, nicht zu vergessen:

Nur Gewalt treibt ins Asyl.

Was die Flüchtenden hier suchen –

vielleicht brauchen wir es morgen,

wenn ein Alptraum wieder wahr wird.

Wer weiß, wohin er uns treibt.

 

Copyright 1978 Gerd Schinkel

 

In den siebziger Jahren war nicht nur die ostdeutsche DDR ein Zufluchtsland für Verfolgte aus Rechtsdiktaturen in aller Welt, sondern manche wollten auch in der Bundesrepublik Deutschenland darauf warten, dass in ihrer Heimat bessere Zeiten für ein freies Leben ohne Verfolgung anbrachen. Viele Flüchtlinge erhielten in Westdeutschland Asyl, doch haben sie nicht in dem Umfang eine herzliche Aufnahme erfahren, wie sie es sich erhofft hatten und wie es - nach den finsteren Zeiten in Deutschland, als viele Deutsche ihre Heimat verlassen mussten und im Ausland Asyl fanden - angebracht gewesen wäre. Übrigens ließ auch in der DDR neben der politisch verordneten internationalen Solidarität die Herzlichkeit der Freundschaft zu wünschen übrig. Ein Text, den ich unter dem Eindruck der vielen Flüchtlinge aus  Chile geschrieben habe, die nicht jeder hierzulande willkommen hieß... geschrieben 1978