Bei Reuth (in ungetrübter Ahnungslosigkeit)

 

Wenn die Feuilletons sich von alleine fülln,                                D

teure Schneider teure Fraun mit teurem Stoff verhülln,               D

sind Hotels schon lange vorher ausgebucht,                             C

zwecklos, wenn dann jemand noch ein Zimmer sucht.                A9A8

Fragen sind dann völlig ohne Sinn –                                         Ge

denn bei Reuth dämmern die Götter vor sich hin…                     GAD

 

Hebt man im Orchestergraben Gräber aus:

Wer wird ausgebuht und wer kommt ganz groß raus?

Wurde wohl was Vorzeigbares inszeniert?

Interessanter ist, was im Parkett passiert.

Man fragt: Komm ich rein? Wann bin ich drin?

Bei Reuth dämmern die Götter vor sich hin…

 

Gib das Opernglas mal her – wer sitzt denn da ganz vorn?

Mit wem ist die da? Was hat die hier verlorn?

 

Die gehört doch höchstens in den dritten Rang –

Sag mal, wann geht’s los? "Was dauert das so lang?"

Es zwickt in der engen Kleidung drin –

und bei Rheuth dämmern die Götter vor sich hin…

 

Ist man mit dabei, kommt man den Promis nah -

guck doch mal: Der Sauer mit der Angela.

Für die hohe Kunst hat die doch immer Zeit -

aber trägt hier nicht ihr Oslo Opern-Kleid...

steckt sie wohl nicht mehr so gerne drin...

und bei Reuth knöttern die Spötter vor sich hin...

Die Ouvertüre hat was von nem Overkill,

es singt so manche Sängerin statt schön nur schrill.

Aber das stört keinen, denn der Beifall tost!-

Schmeckt der Pausen-Sekt? "Hallo! Wie geht’s? Na, Prost!",

Wer sich zeigen kann, reckt stolz das Kinn –

und bei Reuth dämmern die Götter vor sich hin.

 

Irgendwo - man fragt sich wo - da singt ein Chor,

vorne an der Rampe knödelt der Tenor.

Engagiert ist er als strahlend junger Held –

für sein hohes Alter kriegt er reichlich Geld...

Ein Kritiker denkt sich: Ich glaub, ich spinn –

und bei Reuth dämmern die Götter vor sich hin…

 

Ewig dauert's: Helden sterben stundenlang –

atmen noch – das nenn ich Überlebensdrang...

Geiger fiedeln eifrig, was der Bogen hält - 

donnernder Applaus, weil es wohl doch gefällt.

Und bei Wagners bilanziert man den Gewinn –

und bei Reuth dämmern die Götter vor sich hin…

 

Alle, die sich wichtig fühlen - ist ja klar,

wolln, dass man sie sehen kann im Wagnerjahr,

zahlen gerne jeden Preis, den man verlangt,

und bedauern, wenn man sich bei Wagners zankt,

gönn'n sich darauf auch mal einen Gin...

und bei Reuth dämmern die Götter vor sich hin...

 

Copyright 2013 Gerd Schinkel