Gerd Schinkel                                 Funktionslieder

KLIMASCHUTZ & BRAUNE KOHLE

FUNKTIONSLIEDER 1

 

 

 

Im Dezember 2017 habe ich erstmals an einem Waldspaziergang von Michael Zobel und Eva Töller im „Hambacher Forst“ teilgenommen und war tief beeindruckt. Zunächst einmal von dem Wald, der – wie ich später erfuhr – von RWE Jahrzehnte zuvor selbstherrlich zum Forst erklärt worden war, um damit zu signalisieren, dass es sich um ein reines Holzwirtschaftsgebiet handelt und keinesfalls um einen schützenswerten Wald, der einer Abholzung zum Zwecke einer Erweiterung der Tagebaue im Wege stehen könnte. .

 

 

 

Beeindruckt haben mich ebenso die „Waldbesetzer“ – die eigentlichen „Waldbewohner“ in den Baumhäusern. Denn als tatsächliche Besetzer des Waldes erwiesen sich für mich bald schon diejenigen, die sich mit Verweis auf verbriefte Eigentumsrechte unter Polizeischutz als Waldzerstörer zu erkennen gaben. Die Bewohner der Baumhäuser lebten dort schon seit mehreren Jahren und haben mit ihrem Widerstand gegen eine Rodung des Waldes, allein zur Wahrung der Profitinteressen des Braunkohle-Tagebau-betreibers RWE, die öffentliche Aufmerksamkeit auf den Konflikt zwischen Klimaschutz und klimaschädlicher Verstromung von Braunkohle gelenkt. Sie wollten nicht, dass für eine Ausdehnung des RWE-Tagebaus Hambach der Wald unwiederbringlich verloren geht. Der Zusammenhang mit dem erkennbaren Klimawandel, gegen den sich der bis dahin wahrgenommene Widerstand auf Klimagipfeln und Klima-konferenzen als kaum nennenswert erwiesen hatte, war überdeutlich. Ohne die bei Wind und Wetter in jeder Jahreszeit dort in den Baumwipfeln lebenden Klimaschützer wäre der Hambacher Wald schon längst gerodet.

 

 

 

Weiter hat mich das Engagement von Eva und Michael beeindruckt, die mir und so vielen anderen Spaziergängern die Notwendigkeit klargemacht haben, dass Natur verteidigt werden muss, wenn man sie nicht verlieren will. Sehr beeindruckt hat mich Antje Grothus, die in der so genannten „Kohlekommission“ für den Heimatschutz eine unglaublich wichtige Arbeit geschultert und sich nicht nur Freunde gemacht hat. Die Lieder „Spitz auf Knopf“ und „So nicht“ sind für sie. Und schließlich haben mich die vielen Unterstützer nicht nur aus der Region, sondern von überall begeistert, die sich in diesen Widerstand eingereiht und ihn zu einem Faktor gemacht haben, den man nicht mehr einfach ignorieren kann.

 

 

 

Bei diesem Spaziergang im anbrechenden Winter 2017/18 erfuhr ich von dem bevorstehenden Abriss einer Kirche in einem Dorf namens Immerath, einem Ortsteil der Stadt Erkelenz, der einer weiteren Ausdehnung des RWE-Tagebaus Garzweiler weichen sollte. Ich infor-mierte mich über die imposante Kirche und war fassungslos über diesen bevorstehenden Kulturfrevel, so dass ich einige bereits lange in meinem Repertoire vorhandene Lieder zum Thema Klimawandel nun mit ersten Liedern über den „Hambacher Forst“ und einem Lied über den Dom von Immerath ergänzte. Ein auch mit Drohne erstelltes Video über den Dom, das von Andreas Müller-Goldkuhle/Goldblick-TV mit meinem Lied unterlegt wurde, fand bei Youtube und Facebook beachtliche Aufmerksamkeit. So wurde bei mir ein Ventil zur Bearbeitung der Braunkohle-Thematik geöffnet, das sich nicht mehr schließen ließ.

 

 

 

Auf diesen CDs sind auch Lieder, die ohne Vorarbeit oder Anregungen von Menschen aus der Bürgerbewegung gegen die RWE-Verstromung von Braunkohle nicht vorstellbar wären: So entstand das Lied „Waldspaziergang“ anlässlich der 50. Waldführung von Michael Zobel und Eva Töller im Sommer 2018. Matthias Lehmann hat, kaum dass ich im Spätsommer „Hambi bleibt“ bei Youtube hochgeladen hatte, in Südkorea „eigenmächtig“ den Text in die englische Sprache übertragen. Danke dafür.

 

 

 

Das Lied „Paragraph Elf“ geht zurück auf das Lied „Allez les Gens“ der belgischen Gruppe „Gam“. Inzwischen ist es eher unter dem Titel „Hey Jungs und Mädels“ bekannt. Mein „Traum von Paragraph 11“ entstand nach einer Vorlage von Hoffmann von Fallersleben, aus dessen Liedertext „Ich lag und schlief“ von N.F. eine neue Fassung geschrieben wurde, für die ich dann auf die Melodie des Liedes „Last Night I Had A Strangest Dream“ von Ed McCurdy aus dem Jahre 1950 zurückgegriffen habe. „Wie ein Felsen fest“ wiederum hat als Vorlage den Song „Solid As A Rock“ aus dem aktuellen Widerstand in den USA gegen Rassismus. Und das Lied „Komm, lass uns aufstehen“ hatte ich mit zwei Strophen bei einem Dorfspaziergang gehört, gesungen von Ronald Zoch, die ich mir aber nicht merken können. Nachdem mir dann Sufiya den Text der beiden Strophen aus der Erinnerung aufgeschrieben hatte, habe ich ein paar zusätzliche Strophen verfasst, weil mir das Lied als Beitrag zur Entkrampfung der Spannungen in den polarisierten Ortschaften am Rande der Tagebaue wichtig war.

 

 

 

Ich glaube nicht, dass mir nun keine weiteren Lieder mehr einfallen werden. Aber ich wollte irgendwann mal unter einen zeitlichen Abschnitt einen Strich ziehen, um eine sinnvolle Zäsur zu machen. Somit ist dies nun eine abgeschlossene Liederchronik für den Zeitraum von Dezember 2017 bis November 2018, entstanden aus den Eindrücken bei zahlreichen Begegnungen im Widerstand gegen RWE und gegen die Braunkohle-verstromung. Es sind 71 Lieder, die ich nun auf vier CDs nahezu chronologisch zusammengestellt habe: Eine Liederchronik der fortlaufenden Ereignisse aus zwölf Monaten, deren Funktion sich irgendwann darin erschöpfen könnte, die Erinnerung an diesen Zeitraum und die Ereignisse wach zu halten.

 

 

 

G.Sch. Dez.2018

 

FUNKTIONSLIEDER 2

 

 

 

Bis September 2019 hatte ich genug Lieder, um eine gleich umfangreiche Fortsetzung der „Funktionslieder“ – als Teil 2 - auf vier weiteren CDs vorzulegen. Die Zahl meiner Lieder, die ich in einer „Liederchronik“ zu dem Konflikt um das Rheinische Braunkohlerevier vorlegen konnte, war nunmehr auf knapp 150 gestiegen. Ich weiß auch nicht, wie es möglich wurde, dass die Inspiration nicht versiegte.

 

 

 

Die „Terrorpolitik“ von NRW-Innenminister Herbert Reul, die er als ein Vorgehen zur „Wahrung von Recht und Gesetz“ zu verkaufen versuchte, schaukelte sich hoch. Auf Straßen und Plätzen der Städte strömten protestierende Jugendliche, die nach dem Vorbild der jungen Schwedin Greta Thunberg einmal im Monat freitags nicht mehr in die Schule gingen, um den Politikern zu zeigen, dass sie nicht mehr bereit waren, eine klimazerstörende Politik kritiklos hinzunehmen. Welche Aufregung löste dies dann bei begriffsstutzigen Politikern um diese angeblichen „Schulschwänzer“ aus.

 

 

 

Aus der Politik wurden weiter vorrangig keulenartige Argumente geschwungen, die nur zeigten, dass in den Parteien und Parlamenten bei den Regierungsverantwortlichen und ihren Unterstützern nichts, aber auch gar nicht begriffen wurde. Und dass man weiter auf Konfrontation setzte und Polizisten auf Demonstranten hetzte, die man vorher kriminalisiert hatte. Die protestierendenden Schülerinnen und Schüler warnte man eindringlich davor, sich an Protesten der „Straftäter“ von „Ende Gelände“ zu beteiligen. Vergebens, denn es kam zu einem weitgehenden Schulterschluss, als sich die Gruppen dann selbstverständlich zu mischen begannen.

 

 

 

Ich sang für alle Altersgruppen, wurde von den jugendlichen Organisatoren oder den sie unterstützenden Erwachsenen angefragt, um die Kundgebungen musikalisch zu ergänzen. Ausgesprochen gerne kam ich mit meiner Gitarre und sah staunend eine Bewegung, die mir die Hoffnung gab, es könnte sich hieraus etwas entwickeln, das mit weitaus mehr Einfluss auf die Gesellschaft einwirken könnte, als es vor 50 Jahren den „68ern“ möglich gewesen war. Die Basis dieser Bewegung schien mir landesweit in Großstädten sowie kleineren Ortschaften weitaus besser verankert zu sein. Welch eine Chance, tatsächlich etwas zu erreichen und den politisch Verantwortlichen ordentlich „Feuer unterm Arsch“ zu machen.

 

 

 

Und ich durfte dazu am „Soundtrack“ mitschreiben… Auch das war für mich eine riesige Chance, die ich nicht verpassen wollte. Meine Lieder wurden plötzlich auch ohne kommerzielle Vermarktung – wie hätte die auch erfolgen sollen? – verbreitet. Der „Hambi-Pilger“ Martin J. sorgte mit seinen live-Streams und unermüdlichen Konzertaufzeichnungen über Youtube mit dafür, dass die Lieder bekannt wurden, dass sich so auch der eine oder andere meinen Namen merken konnte.

 

 

 

Dann wurde das Protestspektrum breiter: In den Dörfern am Rande der Tagebaue, deren Existenz durch die RWE-Pläne und durch die unverantwortliche Unterstützung der Landesregierung immer stärker bedroht war, wurde der Widerstand immer lauter, auch wenn die Einig-keit unter den verbliebenen Bewohnern und den umgesiedelten Einwohnern, die dem Druck und den Angeboten von RWE nachgegeben hatten, kaum noch reparierbar schien.

 

 

 

Waldschützer und Verteidiger der Dörfer kamen sich näher. Der Kreis derer, die begriffen, dass es im Grunde ein gemeinsamer Kampf gegen einen gemeinsamen Gegner war, der auch nur zusammen gewonnen werden konnte, wuchs ebenfalls, so sehr auch die Landesregierung mit Ministerpräsident Armin Laschet an der Spitze versuchte, einen Keil zwischen die Beschützer der Dörfer und des Waldes zu treiben und damit die Menschen im Widerstand zu spalten.

 

 

 

Meine Lieder wurden unerbittlicher, der Klartext der Strophen scharfzüngiger – und der Zuspruch derjenigen, die über das Geschehen im Braunkohlerevier, die Gier von RWE und die Unredlichkeit der regierenden Verantwortlichen genauso zornig waren wie ich, wurde herzlicher. Mit jeder Bereitschaft der Institution Kirche, die eigenen Gotteshäuser zu entwidmen, um nach dem Verkauf an RWE einen Abriss ohne Gegenwehr hinzunehmen, wuchs das Unverständnis über diesen „Verrat“ der Kirche an ihren eigenen Gläubigen, für die diese Dorfkirchen doch unbestreitbar ein wichtiger Teil ihres Lebens und ihrer Identität gewesen waren.

 

 

 

Immer wieder kam man auf die Frage nach dem „Warum“ zurück. Warum diese sinnlose Zerstörung und Verheizung der Heimat. Warum wurden die schlimmsten Auswirkungen auf das Klima und damit auf die Lebensgrundlagen der Menschen und deren Gesundheit ignoriert oder angezweifelt? Sah man nicht, was mit Menschen und Erde nicht nur in unmittelbarer Nähe geschah, sondern dass es Folgen auf dem gesamten Planeten hatte. Die Klimaschützer in ihren Baumhäusern, die sich dort jahrelang den Rodungsabsichten von RWE widersetzten, hatten das längst begriffen und sich den Profitinteressen von RWE entgegengestemmt. Sie wehrten sich auch dagegen, dass sie von angeblichen Hütern von Recht und Gesetz dafür kriminalisiert wurden und polizeiliche Zwangsmaß-nahmen – mit anderen Worten rabiate Gewalt – ertragen mussten.

 

 

 

Manche Zeugen, die es aus der Nähe oder auf Abstand miterlebt haben, die die zwangsgeräumten und traumatisierten Klimaschützer aus den Baumhäusern mitversorgt hatten, haben wie ich viel Vertrauen in die staatliche Sicherung dieses friedlichen Gemeinwesens verloren. Politiker und Polizei haben viel Porzellan zerschlagen. Wer bemüht sich um Kitt?

 

 

 

G.Sch. Sep. 2019

 

CD 6

 

 

 

01 Gelbe Kreuze

 

02 Kuckum

 

03 Der Sender

 

04 Kirchlicher Widerspruch

 

05 Heimattreue 2

 

06 Der RWE-Büttel

 

07 Kotklecks der Justiz

 

08 Greta

 

09 Sicher

 

10 Der Scheuer-Minister

 

11 Pflichtschwänzer

 

12 Erdklimakterium

 

13 Straßenrebellen

 

14 Ungemütlicher Advent

 

15 Zeitdruck

 

16 

 

17 Fühlen

 

18 Unterschied

 

19 Journalismus

 

20 Besinnung

 

Originalsongs 1 P.F. Sloan 2 Dillards